Unsere Gesellschaft ist in einem schnellen Wandel begriffen, dessen
Richtung und Ziel noch gar nicht abzusehen sind. Globalisierung,
Informatisierung, Dienstleistungsgesellschaft, Flexibilisierung,
Individualisierung, Patchworkfamilie, Wertewandel sind gängige
Stichworte, die aber jeweils nur einen isolierten Aspekt ansprechen.
Wie aber kann man die Zusammenhänge zwischen den "großen Trends" und
den Erfahrungen und Handlungsweisen der Menschen in ihrem permanenten
Wandel erfassen, beschreiben und in eine regelmäßige Berichtsform
gießen? An dem ehrgeizigen Ziel, über diese Zusammenhänge gesichertes
Wissen zur Verfügung zu stellen und damit Grundlagen für eine
politische Gestaltung des Wandels zu schaffen, arbeitet der
Forschungsverbund Sozioökonomische Berichterstattung. Seiner Einladung
zu kollegialer Beratung bei einem Werkstattgespräch in der Göttinger
Paulinerkirche sind nun zahlreiche Experten aus der Wirtschafts- und
Sozialstatistik, der Arbeits-, Armuts-, Ungleichheits-, Gender-,
Nachhaltigkeits- und Alltagsforschung gefolgt.
"Deutschland im Modell", so lautete der Titel des ersten
Werkstattgesprächs des Forschungsverbundes "Berichterstattung zur
sozioökonomischen Entwicklung Deutschlands - Arbeit und Lebensweisen",
das am 22./23. Februar 2006 in der Göttinger Paulinerkirche stattfand.
Der Verbund wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im
Rahmen des Programms "Bessere Daten für eine bessere Politik"
gefördert. Das Soziologische Forschungsinstitut (SOFI Göttingen)
koordiniert den Verbund (Projektleiter ist Dr. Peter Bartelheimer);
beteiligt sind außerdem das Institut für Sozialwissenschaftliche
Forschung (ISF München), das Internationale Institut für Empirische
Sozialökonomie (INIFES Stadtbergen) und das Thünen-Institut für
Regionalentwicklung. Im Jahre 2005 hat der Verbund nach mehrjähriger
Arbeit bereits einen über 600-seitigen Ersten Bericht vorgelegt, der im
VS Verlag für Sozialwissenschaften als Buch mit Daten-CD erschienen
ist. Nun hat die Arbeit am Zweiten Bericht begonnen, der für 2008
vorgesehen ist. In einer Serie von Werkstattgesprächen werden zunächst
die Konzepte und Ergebnisse des Verbundes vorgestellt und mit Experten
aus Wissenschaft und Politik diskutiert, um deren Anregungen für die
Fortsetzung der Berichterstattung nutzen zu können.
Die Einladung zur kollegialen Beratung nahmen ca. 45
WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen an. So kam es zu einer
Art "Gipfeltreffen" der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen
Berichtsansätze, u.a. waren das Statistische Bundesamt, das Zentrum für
Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA Mannheim), das Deutsche
Jugendinstitut, Autorinnen des FrauenDatenReports des WSI und des
Datenreports zur Gleichstellung von Männern und Frauen unter den
Referenten vertreten. Dazu kamen Beiträge von Politologen,
Nachhaltigkeitsforschern, Armuts-, Gender- und Ungleichheitsforschern
sowie Experten aus der Forschung zu Lebenslagen und alltäglicher
Lebensführung.
Das Vorhaben des Forschungsverbunds, gerade die schwer zu fassenden
Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, zwischen "großen"
Trends und den Erfahrungen und Handlungsweisen der Menschen in den
Mittelpunkt zu stellen, fand allgemeine Anerkennung und konstruktive
Kritik, vor allem in Form von Anregungen für die weitere Arbeit. Ganz
unterschiedliche Forschungsdisziplinen konnten aus der
Sozioökonomischen Berichterstattung etwas "mitnehmen" für ihre eigenen
Themen.
Als besonders produktiv für die Aufgabe der Berichterstattung erwies
sich in der Diskussion das Konzept der Teilhabe: Wie weit sind Menschen
wirklich in der Lage, selbst aktiv an der gesellschaftlichen
Entwicklung teilzunehmen? Relativ gut erforscht ist bereits, welche
Voraussetzungen und Ressourcen die einzelnen Bevölkerungsgruppen
"mitbringen" (Geld, Bildung, rechtlicher Status usw.). Ob und wie weit
sie daraus aber tatsächlich etwas machen können und wovon das abhängt,
wird für einen integrierten sozioökonomischen Berichtsansatz künftig
noch mehr als früher eine zentrale Frage sein. Man kann darin einen
Prüfstein für "aktive" und "aktivierende" Politik sehen, beispielsweise
in der Sozial-, Arbeitsmarkt-, Gleichstellungs- oder Migrationspolitik:
Ist sie geeignet, aktive Teilhabe zu fördern und die Menschen auf diese
Weise "mitzunehmen", oder resultiert sie eher in Gängelung und
Ausgrenzung? Der Forschungsverbund unternimmt den Versuch, Kriterien
und Indikatoren für die Beantwortung solcher Fragen bereitzustellen.
Eine Besonderheit der sozioökonomischen Berichterstattung stand immer
wieder im Zentrum der Diskussion: Sie versucht - über das
Zusammenstellen und Verknüpfen möglichst informativer Datensätze hinaus
- sozusagen die Geschichte des Modells Deutschland zu erzählen,
genauer: verschiedene, teils disparate Geschichtsstränge zu verfolgen
und dabei doch das gesellschaftliche Ganze nicht aus den Augen zu
verlieren. Die Geschichten der Wirtschaftsentwicklung, der Arbeits- und
Lebensweisen, der Institutionen und "Politiken", aber auch der Normen
haben eine gewisse Eigenständigkeit und beziehen sich gleichzeitig
wechselseitig aufeinander. Diesen komplexen Prozess möchte der
Forschungsverbund "berichtsfähig" machen - und das geht nicht ohne
Deutung und Bewertung. Ein solches Vorhaben stellt eine Ergänzung
bestehender Berichts- und Forschungsansätze dar, es ist nur in
konstruktiver Zusammenarbeit mit ihnen möglich. Das Werkstattgespräch
hat Wege für eine solche Kooperation gewiesen.
Das nächste Werkstattgespräch des Verbundes findet am 9./10. März,
ebenfalls in der Göttinger Paulinerkirche statt; Thema ist "Regulierung
im Umbruch - Umbruch der Regulierung?" Zielgruppe sind, wie bei allen
Werkstattgesprächen der Serie, in erster Linie Wissenschaftler, Politik
und Verbände; Anmeldung beim SOFI ist erforderlich. Informationen zu
den Gesprächen (Flyer, Diskussionspapiere) sind auf den Webseiten der
beteiligten Institute zugänglich. Die Buchveröffentlichung des Ersten
Berichts wird vom Verlag unter
http://www.vs-verlag.de/index.php;do=show/site=w/book_id=6449/sid=72098302044042b072e087323226371
vorgestellt.
Weitere Informationen:
http://www.soeb.de - Internetpräsenz des Verbundes (im Aufbau)
http://www.bmbf.de/de/4700.php - Projektbeschreibung des Ministeriums
http://www.isf-muenchen.de/pdf/soebdeWerkstattgespraeche.pdf
http://www.sofi-goettingen.de/frames/projekte/pliste1.htm
http://www.isf-muenchen.de/projekte.htm
http://www.inifes.de/projekte.htm
http://www.thuenen-institut.de
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