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Die Deutsche Leitkultur: Eine Illusion
Situation in Deutschland


Die Ausgangssituation in Deutschland ist jedoch eine andere: Zwei von Deutschland initiierte Weltkriege, das Dritte Reich und der Holocaust haben Nationalstolz gegen tief verwurzelte Schuldgefühle ausgetauscht, die mit dem in den USA vorherrschenden Patriotismus alles andere als vergleichbar sind. Unterschwelliger bis offener Scham für die Nazi-Verbrechen verwandelt den Begriff „Leitkultur“ schnell in „Leidkultur“ und ruft bei vielen Deutschen das Bild kahlrasierter Köpfe und Springerstiefel hervor. Fazit: Nicht nur regional-kulturelle Differenzen, sondern ebenso der von Bassam Tibi kritisierte „Selbsthass“ der Deutschen hemmen den Aufbau einer Leitkultur. Tibi, Professor für Internationale Beziehungen am Seminar für Politikwissenschaften der Universität Göttingen, hält es jedoch für das reibungslose Zusammenleben von Menschen für erstrebenswert, dass es eine Leitkultur gebe. Wo sind also noch Ansätze einer deutschen Leitkultur zu finden? Zweifelsohne ist der jährliche Urlaub am Ballermann nicht mit den Werten aller Deutschen vereinbar. Auch Dieter Bohlen wird keineswegs von der Gesamtbevölkerung als Identifikationsfigur verehrt, und Casting-Shows, Jugendkult und Schönheitswahn überschwemmen von jenseits des Atlantiks die internationale Medienkultur. Vielleicht sollte die Wahl der „100 besten Deutschen“ auf triviale Weise dazu beitragen, die Nation in Kulturfragen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Ob dies gelungen ist, bleibt fraglich.
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    Sowohl für Deutsche als auch für Ausländer dürfte es folglich nach wie vor problematisch sein, den Forderungen von CDU und CSU nachzukommen. Die USA, die von Anfang an ein Einwanderungsland waren, haben laut Barbara Zehnpfennig, Professorin für politische Theorie an der Universität Passau,  eine Alternativlösung gefunden: Verfassungspatriotismus. In der republikanischen US-Bundesverfassung seien die Frontstellung gegen Großbritannien sowie der Wille zur nationalen Selbstbestimmung aufs eindringlichste dokumentiert, so Zehnpfennig. Der wiederholte Versuch der USA, andere Völker notfalls mit Gewalt mit ihren in der Verfassung verankerten und für westliche Nationen selbstverständlichen Werten wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu beglücken, könnte insgeheim eine Vorbildfunktion auf die Verfechter einer deutschen Leitkultur ausgeübt haben. Die auf den Werten der Verfassung begründete nationale Begeisterung trägt außerdem dazu bei, dass sozialer Separatismus und Reibungen zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen in der amerikanischen Gesellschaft akzeptiert werden, auch wenn Arthur Schlesinger in The Disuniting of America (1992) den Werteverfall durch Multikulturalismus in den USA scharf kritisiert. Nichtsdestotrotz haben die Multikulturalismusdebatten der 90er Jahre den zahlreichen Einwanderergruppen eine Tür geöffnet, ihre kulturellen Identitäten zu schützen und wiederzubeleben. Anscheinend versuchen konservative Stimmen, dies in Deutschland zu verhindern. Zwar sollte das Erlernen der deutschen Sprache für Ausländer eine integrationsfördernde Selbstverständlichkeit sein, doch religiöse Assimilierung im Sinne Stoibers ist gekoppelt mit einem Verlust von kultureller Identität der ausländischen Mitbürger und somit kontraproduktiv für ein friedliches Miteinander mit Deutschen, sofern diese alles Fremde mit Druck aus ihrer eigenen Kultur zu verbannen versuchen. Obwohl der in Damaskus geborene Tibi für eine Leitkultur plädiert, fordert er gleichzeitig eine “säkulare, auf der Trennung von Religion und Politik basierende Demokratie“. Stoiber und Co. hingegen predigen christlichen Fundamentalismus sowie die bedingungslose Akzeptanz „deutscher“ Werte. Der Wille, von anderen Kulturen zu lernen und Positives in den eigenen Wertebestand aufzunehmen, ist einer solchen Politik fremd. Jegliche Form von Intoleranz löst Gegendruck aus und verstärkt eher die Bildung von Ghettos. Dies wiederum widerspricht Becksteins Forderung nach Integration von Ausländern, was letzten Endes nur bedeutet, dass eine „deutsche“ Leitkultur, wie sie einigen Vertretern von CDU und CSU vorschwebt, einen Teufelskreis für alle in Deutschland lebenden Menschen impliziert.
 
 Annika Senger   

Quellen:
Schlesinger, Arthur. The Disuniting of America. New York: W. W. Norton & Company, 1992.
Tibi, Bassam. Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. München: Bertelsmann, 1998.
Zehnpfennig, Barbara. „Vorbild Amerika? Multi-Kulturalismus, Verfassungspatriotismus und die Einheit der     Nation.“ Identität und Fremdheit: Eine amerikanische Leitkultur für Europa? Hrsg. Winand Gellner &     Gerd Strohmeier. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2001.


Die Autorin

geb. 1979 in Stadtoldendorf. Nach einem journalistischen Praktikum bei der EinbeckerMorgenpost begann sie 1999 ihr Anglistik-Studium mit den Nebenfächern Romanistik und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kassel, das sie im November 2003 mit dem Diplom abschloss. Regelmäßige Publikationen in Literaturzeitschriften (z. B. Federwelt, Entwürfe, Wortspiegel, Kurzgeschichten, Maskenball etc.) und online. Sie lebt in Göttingen, arbeitet freiberuflich als Englischdozentin und für artur als Journalistin. Ihre bisherigen Schwerpunkte im journalistischen Bereich sind vor allem Tier- und Umweltschutz sowie gesellschaftliche Themen.

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