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Die Deutsche Leitkultur: Eine Illusion
Situation in Deutschland
Immer wieder, zuletzt im Rahmen der jüngsten Zuwanderungsdebatte, ertönen Stimmen aus dem konservativen Lager, die fordern, dass ausländische Mitbürger sich einer sogenannten deutschen „Leitkultur“ anpassen sollten. Friedrich Merz (CDU) plädierte in der Süddeutschen Zeitung: „Zwingend ist, dass sie [Ausländer] Deutsch lernen und unsere Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten akzeptieren.“

Bei genauerer Betrachtung deutscher “Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten” offenbart sich jedoch rasch der Illusionscharakter einer Leitkultur. Dringlichst bedarf es einer Diskussion über die Frage: Was ist überhaupt „deutsch“? Es ist schwer zu verleugnen, dass „deutsche Kultur“ von erheblichen regionalen Unterschieden geprägt ist, welche selbst Bundesbürgern aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands einen Hauch von “Exotik” vermitteln. So stößt der rheinländische Karneval bei so manchem Nordlicht auf Unverständnis, und wenn auf multi-ethnischen Festivals in den USA das Oktoberfest mit Dirndln und Lederhosen als „typisch deutsch“ gefeiert wird, sollte sich jeder in Deutschland lebende Deutsche darüber im Klaren sein, dass letzteres allemal als typisch bayerisch einzustufen ist. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) argumentiert, dass die Beherrschung der deutschen Sprache für Ausländer eine unverzichtbare Grundvoraussetzung sei. Wie steht es aber um Sprachbarrieren, mit denen Deutsche durch die Vielzahl von Dialekten im eigenen Land konfrontiert werden? Sollte neben Becksteins Forderung als Konsequenz nicht auch eine hochdeutsche Leitsprache für die Bewohner Sachsens, Bayerns, Schwabens und anderer Teile des Landes verlangt werden, in denen Hochdeutsch nicht die Norm ist?
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Es ist offensichtlich, dass von einer deutschen Kultur nur unter Vorbehalt gesprochen werden kann. Ein Grund für dieses Dilemma mag die Tatsache sein, dass jener Flickenteppich aus Fürstentümern, der sich lange Zeit über das heutige deutsche Staatsgebiet erstreckte, erst im Jahr 1871 zu einem deutschen Reich vereint worden ist, d. h. im europäischen Kontext vergleichsweise spät. Auch wenn in diesem Konglomerat von Kleinstaaten so etwas wie eine gemeinsame Sprache gesprochen wurde, war und ist das Produkt der Einigung ein “Vielvölkerstaat” mit multikulturellen Wurzeln. Auf dem CSU-Parteitag im November 2004 fand CSU-Chef Edmund Stoiber allerdings auch für dieses Problem eine Lösung: „Unser Land ist seit 1500 Jahren vom Christentum geprägt und nicht vom Islam!“ Unerwähnt blieben in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Ausprägungen des Christentums wie Katholizismus und Protestantismus, die im 17. Jahrhundert auf deutschem Terrain einen 30jährigen Krieg ausgelöst haben. Vierzig Jahre Sozialismus in der Ex-DDR haben das Christentum für viele Bewohner der neuen Bundesländer auch nicht gerade gefördert, und religiös experimentierfreudige Menschen werden hier einer regelrechten Wertediktatur unterworfen. Man muss nicht lange nachdenken, um die ergreifende Intoleranz im Kern von Stoibers Aussage zu erkennen. Beispielsweise wird dem Islam eine implizite, aber deutliche Ablehnung entgegen gebracht, weshalb es wenig verwundert, dass Stoiber auf dem Parteitag und in Interviews wiederholt betont hat, dass aus den konservativen christlichen Werten George W. Bushs Lehren für Deutschland gezogen werden müssten.
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