Epilepsie ist eine schwere neurologische
Erkrankung, deren Erforschung in der modernen Neurowissenschaft eine
hohe Bedeutung hat. Im Interview mit Forschungsnachrichten.de äußert
sich der Epilepsie-Experte Prof. Dr. med. Stefan von der Universität
Erlangen zum Thema. Professor Hermann Stefan ist der Leiter der
Epilepsieambulanz in Erlangen. Dort wurde gerade eines der modernsten
Epilepsiezentren in Europa eröffnet. Prof. Stefan charakterisiert im
Gespräch mit Forschungsnachrichten.de die Krankheit Epilepsie und ihre
Erscheinungsformen.  Die Abbildung zeigt den Epilepsiechirurgen (J. Romstöck) mit funktioneller Neuronavigation und intraoperativem MRT während eines epilepsiechirurigschen Eingriffes.
1. Herr Prof. Stefan, durch welche Symptome und welchen Krankheitsverlauf ist Epilepsie zumeist gekennzeichnet?
Hermann Stefan:
Epilepsien können sowohl mit lokaler Symptomatik auftreten, als fokale
Anfälle (von "Focus", auf eine bestimmte Gehirnregion beschränkt, d.
R.) bezeichnet, als auch durch sogenannte generalisierte Anfälle in
Erscheinung treten. Dabei kommt es zu Verkrampfungen und Zuckungen als
motorische Störung. Bewußtseinsstörungen treten nicht im Zusammenhang
mit einfachen fokalen Anfällen auf. Auch sogenannte affektive Symptome
(Panikattacken, Gänsehaut) bilden eine weitere Symptomatik, die die
Epilepsie kennzeichnen können.
Ein epileptischer Anfall kann sich ausbreiten und in einen sekundär
generalisierten übergehen. Dabei ist der tonisch-klonische Zustand mit
den dann spektakulären Zuckungen und motorischen Verkrampfungen - die
man i. d. R als Laie mit epileptischen Anfällen in Verbindung bringt -
nur der Gipfel einer Vielzahl von möglichen Zuständen. Man
unterscheidet also autonome (z.B. schneller Herzschlag, Pulsänderungen,
Urinabgang, Speichelfluß), motorische und psychische Phänomene. Die
Verläufe sind mit denen bei Tiermodellen nicht ganz vergleichbar.
Ihren Sitz haben die Epilepsien oft im Schläfenlappen (fokale Anfälle).
Man beobachtet eine sogenannte epigastrische Aura. Diese kommt aus dem
Magen. Sie ist ein klassisches Phänomen für eine frühe Epilepsie
(Auren, deja-vu-Erlebnisse, Übelkeit sind typische Warnphänomene). Bei
den motorischen Symptomen ist der motorische Lappen Quelle der
Epilepsie. Man kann Initialsymptome wie Zuckungen, Sprachstörungen oder
kurze starre Blicke unterscheiden.
2. Welche Faktoren (physiologischer, genetischer Natur etc.) spielen eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit?
Hermann Stefan:
Bei Epilepsien sind Netzwerke von Nervenzellen gestört. Dabei können
durch eine Inbalance im Neurotransmittersystem (Glutamat excitatorisch
und GABA inhibitorisch) oder durch Vernarbung bei Verletzungen die
hemmenden oder erregenden Nervenbahnen so aus dem Lot kommen, dass die
genannten hemmenden Schaltkreise gestört sind und sich gleichzeitig
neue erregende Schaltkreise bilden.
In seltenen Fällen kann dies bei bestimmten epileptischen Syndromen
auch genetische Ursachen haben, so bei EEG-Veränderungen und bei
Ionenkanalveränderungen. Zumeist handelt es sich jedoch bei der
Mehrzahl der Epilepsien um erworbene Erkrankungen durch Infektionen,
Schlaganfälle, Tumore oder frühkindliche Entwicklungsstörungen (z.B.
embryonal angelegt durch Erkrankungen in der Schwangerschaft).
3. In welchen Gehirnregionen sind Epilepsien lokalisiert?
Hermann Stefan:
Bei fokalen Anfällen liegen die Auslöserregionen häufig im
Schläfenlappen oder auch Frontalhirn und seltener in den hinteren
Gehirnregionen (Parietal- und Okzipitalregion). Diese können sich aber
von dort auch zu generalisierten Anfällen ausweiten.
Primär generalisierte Anfälle treten durch diffuse Störungen des Cortex
und des Stammhirns (corticoretikuläres System) auf. Hierbei handelt es
sich um tonisch-klonische Anfälle oder Absencen.
Dies bildet sich häufig im 6.-12. Lebensjahr aus mit kurzen Momente von
Abwesenheit als ersten Anzeichen. Es findet sich hier dann auch ein
klassisches EEG-Muster. Diese kleinen Anfälle können sich zu großen
Anfällen ausbreiten, bedingt also durch Störungen im Cortex und des
retikulären Systems.
4. Welche Therapien gibt es und welche Medikamente kommen zum
Einsatz? Wie sind die pharmakologischen Wirkmechanismen dieser
Medikamente?
Hermann Stefan:
Zunächst muß man die Auslöser erkennen. Hierzu müssen epileptische
Reaktionen ausgelöst werden. Die Patienten werden dazu
Stresssituationen ausgesetzt, wie z.B. Schlafentzug oder Flackerlicht.
Auch die Applikation von Malariamedikamenten kann dabei zur Anwendung
gelangen. Wenn die Ursachen klar sind, kann man die Epilepsien durch
sogenannte Anticonvulsiva behandeln. Diese können die
Glutamatausschüttung antagonistisch mindern oder die GABA-Konzentration
agonistisch erhöhen.
Die pharmakologische Wirkung besteht nun darin, dass Ionenkanäle
gehemmt werden. So ist eine Übererregbarkeit von Natrium- und
Kalziumkanälen verbunden mit einem verstärkten Einstrom in die
Nervenzellen, wodurch Anfälle ausgelöst werden können.
5. Häufig treten die sog. Pharmakoresistenzen auf bei
Epilepsiepatienten. Welche Mittel sind davon betroffen und welche neuen
sind in der Entwicklung?
Hermann Stefan:
Einige Medikamente haben bereits ein bedenkliches Maß an Resistenzen
bei Patienten ausgelöst. Dies kann z.B. erfolgen durch Hochregulierung
von multidrug-Transportern, die an der Blut-Hirnschranke die
Medikamente ausfiltern, wodurch diese nicht an ihre Wirkorte im Gehirn
gelangen können.
Experimentell wird viel geforscht und man muss dann ggf. die
Medikamente austauschen. Im klinischen Bereich kommen jedoch andere
Medikamente zum Einsatz, die an den epileptogenen Orten wirken sollen.
6. Welche anderen Therapien gibt es, wenn Medikamente nicht anschlagen?
Hermann Stefan:
Wenn Pharmaka nicht nützen, dann ist ein epilepsiechirurgischer Eingriff zu erwägen.
Dabei ist darauf zu achten, dass der epileptische Fokus genau
lokalisiert wird, damit keine motorischen Regionen entfernt werden
durch die OP.
7. Sie haben jüngst ein neues Epilepsiezentrum in Erlangen
eingerichtet, das über modernste und innovative Therapieansätze
verfügt. Was genau unterscheidet diese von "herkömmlichen" Therapien?
Hermann Stefan:
Üblicherweise wird ja am offenen Gehirn durch Elektrophysiologie
versucht, den Fokus genauer zu lokalisieren. Diese Methode ist
natürlich alles andere als schonend, verglichen mit dem Trend zu
minimalinvasiven Eingriffen, die sich derzeit in der Chirurgie mehr und
mehr durchsetzen.
Wir verwenden in Erlangen einen neuartigen Ansatz, der darin besteht,
dass der Kopf des Epilepsiepatienten gewissermaßen berührungslos in
eine Art "Friseurhaube" gesteckt wird und dann die von den Neuronen
gebildeten Magnetfelder mittels spezieller Sensoren gemessen werden.
Epileptische Störfelder sind dadurch meßbar. Aus der Verteilung der
Störfelder (dem MEG = Magnetencephalogramm) kann man die Lage der
Störzentren zurückrechnen. In Kombination mit der Kernspintomographie
und mit Bezug zur individuellen Konstellation des jeweiligen Patienten
wird eine Analyse komplett nichtinvasiv erstellt. Diese Befunde
können dem operierenden Arzt direkt in den OP eingespielt werden,
wodurch dieser den Eingriff genau planen kann und riskante Gebiete
ausspart. Während der Operation steht dem Neurochirurgen außerdem ein
intraoperatives Kernspin zur Resektionskontrolle zur Verfügung.
Mit dieser Kombination verschiedener Techniken konnten auch bisher
erfolglose Fälle operiert werden.
(Bild von Methode im OP mit Kernspin und MEG, evtl. mit "Arzt am Werk")
8. Glauben Sie, dass man eines Tages die Epilepsie dauerhaft wird heilen können?
Hermann Stefan:
Der Trend geht in der Epilepsieforschung - ähnlich wie in anderen
Bereichen der biomedizinischen Forschung auch - immer mehr in die
molekularbiologische Richtung. Man untersucht Gewebe mittels
molekularbiologischer Methoden, um die Vorgänge zu verstehen, die bei
der Epileptogenese ablaufen. Fragen nach den funktionellen Kaskaden auf
der genetischen und proteinchemischen Ebene sollen helfen, spezifisch
in die Epileptogenese einzugreifen. Ansätze wie die der Forschergruppe
von Wolfgang Löscher an der tierärztlichen Hochschule Hannover, der an
Ratten die Ursachen der Pharmakoresistenz (Stichwort: Hochregulation
von sogenannten multi-drug-Transportern an der Blut-Hirn-Schranke)
untersucht, sind ein Beispiel dafür.
Man muß es schaffen, die Hochregulation der Gene zu unterbinden, die
dann die typischen Symptome der Epilepsie auslösen. Dies wird sicher
ein wesentliches Charakteristikum der Antiepileptika der nächsten
Generation sein. Aber wie überall in der Wissenschaft gibt es Grenzen.
Sehen Sie, seit dem Mesolithikum versuchten Menschen, Eingriffe am
Schädel und am Gehirn vorzunehmen, wie man aus Schädelfunden weiß. Dies
bedeutet, dass der Mensch seit Urzeiten versucht, die Funktionsweise
des menschlichen Gehirns zu verstehen.
Wir veranstalten dazu ein Symposium am 23. Juni 2005 in Erlangen mit dem Thema:
"Entstehungsmechanismen der Epilepsien und neuer Therapieansätze ".
Weitere Informationen zum Epilepsiezentrum Erlangen finden Sie auf unserer Website unter www.epilepsiezentrum-erlangen.de
» 5 Kommentare
1"zFgrdwsHPQmASOFIC" am Montag, 2. Januar 2012 13:44
Lot of smarts in that psotnig!
2"GffpDYkMoFgljbPOjTl" am Montag, 2. Januar 2012 16:13
w2pVO9 hpylajewmjzz
3"kVNdnEVSGowTi" am Dienstag, 3. Januar 2012 16:32
FsZcJH , [url=http://ajutphtbprwz.com/]ajutphtbpr wz[/url], [link=http://lenfyrpisdtx.com/]lenfyrpis dtx[/link], http://mbuhchrjexxp.com/
4"CYXaWswz" am Mittwoch, 4. Januar 2012 18:45
E5U3AR mvbhvrgmgjum
5"IXvYFbVyBUOYShyesky" am Donnerstag, 5. Januar 2012 12:26
B4SYTd , [url=http://bownwtrnbjpx.com/]bownwtrnbj px[/url], [link=http://jkytkccprjhq.com/]jkytkccpr jhq[/link], http://gvrtcxcnvffx.com/
» Kommentar schreiben
|