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Wie die Universität Bonn jüngst meldete, waren auch die Ärzte in
der Rhein-Stadt im 3. Reich alles andere als Widerstandskämpfer. Im
neuen Buch des Medizinhistorikers Ralf Forsbach wird die Geschichte der
Medizinischen Fakultät der Universität Bonn aufgearbeitet: Kein Hort
des Widerstands: Historiker stellt Buch über die Medizinische Fakultät
der Uni Bonn im "Dritten Reich" vor. Noch vor wenigen Jahren war die
Beschäftigung mit der
nationalsozialistischen Geschichte der Medizinischen Fakultäten in
Deutschland ein absolutes Tabu. Nun ist ein Buch erschienen, das diese
Lücke zumindest für die Universität Bonn schließt: Auf mehr als 750
Seiten zeichnet der Bonner Historiker Dr. Ralf Forsbach die
Geschehnisse in den Bonner Kliniken und Instituten zur NS-Zeit nach.
Sein Fazit: Auch wenn es Opposition gegeben habe - ein Hort des
Widerstandes sei die Medizinische Fakultät nicht gewesen. Am Freitag,
27. Januar, wird Forsbachs Buch um 11 Uhr c.t. im Stucksaal des
Poppelsdorfer Schlosses in Bonn vorgestellt. Interessenten sind dazu
herzlich eingeladen.
Die Liste der Unrechtstaten ist lang: In der Psychiatrie behandelte man
Patienten zwangsweise mit Elektroschocks. In der Chirurgischen Klinik
und der Frauenklinik wurden psychisch Kranke, Homosexuelle und
"Fremdarbeiter" gegen ihren Willen sterilisiert und Zwangsarbeiterinnen
zur Abtreibung gezwungen. Im Anatomischen Institut arbeitete man mit
den Leichen Hingerichteter. Juden mussten auf die Menschlichkeit der
Ärzte und des Pflegepersonals hoffen, wollten sie behandelt werden.
Bisweilen wurden sie vom Personal oder von Mitpatienten übel
beschimpft. Strafgefangene und Verschleppte wurden zur Zwangsarbeit
herangezogen, vor allem zur Beseitigung von Trümmern nach
Fliegerangriffen im Krieg.
"Es gab zwar auch Opposition", erklärt Dr. Ralf Forsbach, seit 1999
Mitarbeiter am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn. "Doch
die richtete sich meist nicht gegen das in Bonn verübte Unrecht,
sondern wurde erst laut, wenn der Betriebsablauf gefährdet war - etwa
bei Finanzangelegenheiten oder bei Personalfragen im Zusammenhang mit
der Kündigung konfessionell gebundener Schwestern." Dann hätten einige
immerhin den Mut gefunden, umfassende Protestschreiben zu verfassen und
Gegenkonzepte zu entwerfen.
Schon 1933 war jeder dritte Fakultätsangehörige Mitglied der NSDAP. Bis
1945 wuchs der Anteil auf knapp 70 Prozent. Bei den Studierenden sei
die Bonner Situation dagegen untypisch gewesen. "Bei freien
Astag-Wahlen konnten die Nationalsozialisten nie wesentlich mehr als
ein Viertel der Stimmen auf sich vereinen", sagt Forsbach. "Andernorts
erzielten sie oft doppelt so hohe Ergebnisse." Dennoch habe sich nach
1933 die Mehrzahl der Studierenden den neuen Verhältnissen angepasst,
auch wenn einige von ihnen in Oppositions- und Widerstandsgruppen aktiv
gewesen seien.
767 Seiten umfasst das Werk "Die Medizinische Fakultät der Universität
Bonn im ,Dritten Reich'". Es dokumentiert, dass das Ausmaß an Schuld,
die die Fakultätsmitglieder auf sich luden, individuell höchst
unterschiedlich war: Auch unter den Klinikdirektoren habe es neben
glühenden Nationalsozialisten und Mitläufern "mutige Nichtangepasste"
wie Erich von Redwitz, damals Chef der Chirurgischen Klinik, gegeben.
Doch selbst dieser habe Zwangssterilisierungen an seiner Klinik
zugelassen.
Zugute halten könne sich die Fakultät immerhin, dass fünf von 14
während der NS-Zeit nach Bonn berufenen Professoren, allesamt
Exponenten des NS-Systems, gegen den erklärten Willen der Fakultät
(oder zumindest ohne ihre Zustimmung) einen Lehrstuhl in Bonn
erhielten. "In ihrer übergroßen Mehrheit arbeiteten die Bonner
Mediziner jedoch Hitler nicht entgegen, sondern waren die ,Durchführer'
dessen, was in Berlin angeordnet wurde."
Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich". 767 Seiten, gebunden. Oldenbourg-Verlag 2006
Kontakt:
Dr. Ralf Forsbach
Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn
Telefon: 02241/57538
E-Mail:
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