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Eine Weltchronik des Reisens
Seite 2

Ein Buch für Ethnologen also? Ja und gerade, insofern hier eine beachtliche Fülle an Material verarbeitet wurde. Hier wurden Fundgruben an teils sehr selten rezipierten Quellen verarbeitet, die sich dennoch schlüssig ins Gesamtwerk fügen: ein Panoptikum, ein Flickenteppich aus roten Fäden und „Fäden in vielen Farben“, wie es in der Einleitung heißt. Das gibt auch denjenigen, die keine Einsteiger in das Sujet sind, eine Vielzahl neuer Perspektiven, Hinweise und Kontexte. Das macht es aber auch zu einem Buch für Nicht- Ethnologen, denn wer eine kompakte Darstellung von Kulturtheorien erwartet, findet stattdessen die Wissenschaftsgeschichte(n) der Welterforschung, eingebettet in eine Chronik der Ideen und Ideologien, in deren Dienst, unter deren Einfluss Ethnologen allzu oft operiert haben. Die frühen arabischen „Welterforscher“ finden ebenso Erwähnung wie große wissenschaftliche Debatten, etwa im 17. Jahrhundert zwischen Boyle, der für die experimentelle Exaktheit der Wissenschaften eintrat und damit den Positivismus vorbereitete, und Hobbes in Verteidigung der Ganzheitlichkeit der Wissenschaften. Paradigmen, die sich ablösen, oft ohne die Fragen der vorhergehenden beantwortet zu haben; Erkenntnisse, die errungen und wieder vergessen werden, Rassentheorien, die, durch Herder längst überholt, plötzlich wieder salonfähig werden- die Darstellung verfällt nicht dem methodologischen Trugschluss vieler der Theorien, die sie nachzeichnet, sie suggeriert kein fiktives Entwicklungsziel der Menschheit, das sich klassisch in der nahen Zukunft des eigenen Kulturkreises abzeichnet. Das hinterlässt eine diffuse Enttäuschung, die den Leser auf eigene Erwartungen nach Konsistenz stößt, welche von den allermeisten Ideengeschichten auch bedient werden. Die Verwirrung, das Gefühl der Überforderung, die diese nicht- lineare Darstellung hinterlässt, entspricht den mitunter ernüchternden Erkenntnissen der postmodernen Ethnologie, die mit ihren zweifellos immer weiter verfeinerten Methoden der Feldforschung und Erkenntnisgewinnung vor allem verstanden hat, dass sie ebenso wenig irgendwo angekommen ist wie die Gesellschaften, die sie untersucht. Und das liegt nicht nur an den Bedingungen zunehmender globaler Ungleichheiten und einer immer rasanteren Entwicklung der Weltgesellschaften, sondern in der Natur des Beobachtens, das sein Objekt nicht unverändert lassen kann - und dabei selbst niemals neutral ist.
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    Das Wissen, das diesem Werk zugrunde liegt, ist beachtlich und verleiht ihm einen fast lexikalischen Charakter. Es erstreckt sich keinesfalls nur auf das ureigene Gebiet Petermanns, der sich als Amerikanist, u.a. durch die Übersetzung des Standardwerkes „Die Welt der Indianer“, einen Namen gemacht hat; lediglich in der Kolonialgeschichte liegt ein deutlicher Schwerpunkt auf Südamerika. Petermann ist Mitbegründer der Zeitschrift „Trickster“ und über die gleichnamige Edition mit dem kleinen, aber feinen Peter Hammer Verlag verbunden, dem für den Mut, ein Werk dieses Umfangs herausgegeben zu haben, auch über die Kreise des Faches hinaus Achtung (und Beachtung) gebührt.
Friederike Rüll

Werner Petermann: Die Geschichte der Ethnologie. Edition Trickster im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2004, 59,90 €




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