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Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial St. Petersburg | Drucken |  E-Mail
Eine russische Menschenrechtsorganisation aus spezieller Perspektive: als Praktikant bei Memorial St. Petersburg

Die russische Nichtregierungsorganisation (weiterhin im Folgenden NRO) Memorial in St. Petersburg bemüht sich um eine Aufarbeitung der Sowjetzeit - auf die russische Art.

Das Forschungs- und Informationszentrum Memorial, das 1992 gegründet wurde, beschäftigt sich mit der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere mit der politischen Repression und dem Lagersystem in der UdSSR. Neben einem Archiv und einer Bibliothek mit Fokus auf der Geschichte politischer Repression bietet diese unabhängige Menschenrechtsorganisation gratis juristische Beratung und kulturelle Programme an, die Themen politischer Verfolgung gewidmet sind. Diesen Sektionen ist ein Zentrum beigeordnet, das Ausstellungen, Konferenzen, Seminare und Schulprojekte organisiert, als Museum, Verlag und Jugendklub fungiert sowie Exkursionen und Vorlesungen zu historischen Themen durchführt. {mosaddphp:google-julia.php}
Zur Entlastung der fünf festen Mitarbeiter des Petersburger Büros werden ständig ehrenamtliche Praktikanten gesucht. Da ich meine Sprachkenntnisse auffrischen und gleichzeitig etwas Sinnvolles tun will, melde ich mich für einen Monat an.

Zuerst wundere ich mich, als ich um fünf Uhr morgens in St. Petersburg eintreffe und doch schon jemanden im Büro von Memorial antreffe, der mir öffnet, Tee kocht, ein Eckchen im ‚Museum’ (zwei der Arbeitsräume von Memorial mit Schautafeln) zum Schlafen anbietet, ohne zu wissen oder wissen zu wollen, wer ich bin und was ich hier tue. Viele Memorial-Praktikanten aus aller Welt von der örtlichen Arbeitsweise schnell abschrecken: Um eine Einführung oder eine Aufgabe zu erhalten, ist nämlich Eigeninitiative gefragt. Als Bibliothek und Verlag ist Memorial spezialisiert auf russische, aber auch anderssprachige Literatur zu Verbrechen totalitärer Regime. Eine in Russland einmalige Sammlung. Auch hier können die Praktikanten sich einbringen, vor allem bei Übersetzungen und administrativer Korrespondenz.

Nach einer angemessenen Wartezeit, in der ich mich frage, wann wohl der Chef kommt und die Arbeit losgeht, erkundige ich mich also bei den Anwesenden. Zunächst werde ich wie alle Praktikanten gefragt, ob ich nicht bei den Grabungen helfen möchte, da an solchen Aushilfen immer Mangel herrscht. Im Laufe meines Praktikums erfahre ich, dass es sich dabei um eine Art Survivaltraining mit Zelt und wenigen Vorräten in der russischen Wildnis handelt - wenn auch meist nicht weit von der Stadt. Im Vorfeld werden durch Dokumentrecherchen, geologische Berechnungen und Zeitzeugenbefragungen Orte bezeichnet, an denen Massengräber vermutet werden. Dort wird dann also gegraben, ebenso bei der jährlichen Expedition von Memorial zu einem der ehemaligen GULAGs. Einige Sensationsfunde sind Memorial auf diese Weise schon gelungen (Vgl. J. Voswinkel: Stalin. Archäologen des Verbrechens. In: Die Zeit 10/2003). Das gefundene Material fließt wiederum in die Archivbestände des Petersburger Büros ein und soll Basis für ein Gedenken und Aufarbeitung der Vergangenheit sein, ohne die ein demokratischer Neuanfang Russlands den Memorial-Mitarbeitern nicht möglich scheint. Die schwere körperliche Arbeit und die Aussicht, hin und wieder doch ein Skelett zu finden, schrecken die meisten Praktikanten ab. Ich bin ebenfalls froh, abgelehnt zu haben.

Leider wird die Aufarbeitungs- und Aufklärungsarbeit der sendungsbewussten Memorial-Mitarbeiter in der russischen Öffentlichkeit noch immer abgelehnt. Es gäbe heute dringlichere Probleme, um die man sich kümmern müsse, lautet der allgemeine Tenor. Gemeint ist die wirtschaftliche Situation. Laut Memorial-Mitarbeiterin Irina Fliege ist der wirkliche Hintergrund der Ablehnung jedoch die weiterhin bestehende Gleichgültigkeit gegenüber einer Aufarbeitung bis hin zur Verwicklung öffentlicher Personen in damalige Verbrechen.

Dieser Aspekt macht die Arbeit von Memorial in Russland einzigartig, aber auch gefährlich. Im August 2003 wurde beispielsweise das Petersburger Büro von bewaffneten Männern überfallen: die anwesenden Mitarbeiter wurden bedroht, mit Klebeband gefesselt, mehrere PCs und Organizer konfisziert. Die Vermutung: eine Einschüchterungs- und Kontrollaktion.

Zurück zum eingangs erwähnten Museum, einer weiteren Aufgabe, die sich die mehrheitlich von ausländischen Stiftungen finanzierte NRO gestellt hat. Die deutschen Geldgeber, im Sommer 2002 vertreten durch zwei von Termin zu Termin gehetzte Bundestagsabgeordnete, kamen nach einer Führung durch die beiden Räume zu einem Schluss, der den grundsätzlichen Unterschied zwischen deutschem Konsens und russischer Einstellung verdeutlicht. Auf den Schautafeln hängen sich eine Ausstellung über die GULAGs der Sowjetzeit und eine über die deutschen KZs gegenüber. Der Ansatz einer Totalitarismustheorie, die, wie in dieser Ausstellung, Stalin mit Hitler sowie ihre jeweiligen Verbrechen vergleicht, würde in Deutschland an Tabus rühren, die in Russland, wo bisher so gut wie keine Aufarbeitung der nationalen Verbrechen stattgefunden hat, so nicht existieren; vor diesem Hintergrund wird der Vergleich der totalitären Führungen als plausibel empfunden. Angesichts der Ablehnung der Arbeit von Memorial in der russischen Öffentlichkeit wird eine solche Aufarbeitung dort wohl auch in naher Zukunft nicht stattfinden. Frau Irina Fliege ist sogar noch pessimistischer: in Deutschland hätte doch auch nur der Druck seitens der Alliierten zu einer Aufdeckung der NS-Verbrechen geführt. Da Russland nicht besetzt wurde, gebe es keinerlei Anlass für ihre Landsmänner, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Das Argument der 68er als Aufklärungsbewegung lässt sie nicht gelten.

Eine ähnliche Erfahrung machte ich bereits als Sprachschülerin auf der Krim. Unsere Lehrerin gab uns einen Text, der Charakter und Aussehen des typischen Russen/der typischen Russin beschrieb, und forderte uns zu einer ähnlichen Beschreibung des typischen Deutschen auf. Drei Tage diskutierten wir mit ihr, warum wir uns dieser Aufgabe verweigerten, bis sie schließlich zugab, sie könnte unsere Argumente nicht verstehen, würde die Weigerung aber nun akzeptieren. Eine Lektion in interkultureller Kommunikation.

Mein Praktikum umfasste letztendlich neben Uebersetzungen von Korrespondenz und Artikeln die Redaktion einer Uebersetzung und die Erfassung und Systematisierung der nichtrussischen Bücher in der Memorial-Bibliothek. Letzteres eine Aufgabe für die ersten fünf Tage – angeblich hatten sich bereits mehrere Praktikanten daran versucht, waren dann aber von der Durchführung vermutlich durch die zugegebenermassen zahlreichen Sehenswürdigkeiten und Freizeitmöglichkeiten von St. Petersburg abgelenkt worden.

Mein Praktikum endet mit einem Gewinn an Einsicht und Verstehen, was Positionen im Geschichtsverständnis und der Arbeit einer NRO in Russland betrifft. Aus dem Chaos lässt sich nun eine Form idealistischen Engagements erkennen, wie sie im heutigen Russland nicht anders organisiert werden kann als anarchisch: jeder, der will, kann mitarbeiten, wann und was er möchte. Eine Bezahlung der Praktikanten kann man sich ohnehin nicht leisten. Schade, dass die bereits zu Beginn durch die mangelnde Einforderung von Arbeitsdisziplin abgeschreckten Praktikanten nur Urlaub in St. Petersburg gemacht haben, statt ihre Chance auf einen Blick hinter die Kulissen wahrzunehmen.

Trotz aller möglichen Kritikpunkte bleibt Memorial eine der wenigen Institutionen in Russland, die sich aufrichtig und engagiert um eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte bemüht.


Jutta Lindekugel
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