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Ausstellung russischen Straflagern in Vergangenheit und Gegenwart | Drucken |  E-Mail
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Ausstellung russischen Straflagern in Vergangenheit und Gegenwart
Ausstellung Zona
Budapest Terror Haza - House of Terror
„Um jeden von uns kümmert sich Stalin im Kreml“
Zwei aktuelle Ausstellungen in Genf beschäftigen sich mit russischen Straflagern in Vergangenheit und Gegenwart

Ausstellung im ethnologischen Museum: „Goulag, le peuple des zeks“  (Gulag, das Volk der Zeks)
„Willkommen in Kolyma“ lautet zynisch der Schriftzug auf einer Postkarte von 1939, die in einer Collage von Schwarz-Weiß-Fotografien russische Schneelandschaften zeigt. Keine Spur vom Leid, für das der geographische Name Metonymie wurde.
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Wie die Postkarte bemüht sich die russische Öffentlichkeit bis heute, das Thema „GULAG“ (Abk. f. Glavnoe Upravlenie Lagerej – Hauptverwaltung der Lager) zu vermeiden. Beim GULAG handelt es sich um das sowjetische Gefängnissystem, in dem vor allem zu Stalins Zeiten Massen von angeblichen politischen Gegnern lange Jahre eingesperrt wurden. Zu viele noch lebende Personen waren in die Verbrechen verwickelt. Rühmliche Ausnahme ist die russische Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die sich trotz vieler Widerstände eine Aufarbeitung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter besonders der Stalinzeit, vorgenommen hat. Neben dokumentarischer und öffentlichkeitswirksamer Arbeit unternimmt „Memorial“ Recherchen und Ausgrabungen sowie jährliche Exkursionen zu den ehemaligen Lagern, um das Ausmaß und die Stätten der Vergehen zu lokalisieren. Die Aussteller nennen dies eine „neue Form moderner Archäologie“. Da verwundert es nicht, dass zahlreiche Exponate der Genfer Ausstellung „Memorial“ zu verdanken sind. Daneben treten die GARF (Staatsarchiv  der Russischen Föderation) und GMRK (Staatsmuseum der Republik Karelien) als Exponatgeber/Verleiher auf.


Auch außerhalb von Russland wird das Phänomen der stalinistischen Lager wenig diskutiert. Von der in den Lagern entstandenen Kunst, der sogenannten „Lagart“, ist v.a. die dort entstandene Literatur im Westen bekannt. Sie ist weit bekannter als neue historische Einschätzungen und Erkenntnisse seit der Perestroika. Diese Literatur war Thema der von der Universität Genf initiierten Rahmenveranstaltung „Comment representer le goulag?“ (Wie kann man den GULAG darstellen?). Sie führte dazu, dass der Ort GULAG zu einem Topos der russischen Literatur wurde. Er steht für eine Reise ins Ungewisse, ins Leid, die der emeritierte Genfer Slawistikprofessor Georges Nivat mit Motiven der Odyssee und der Göttlichen Komödie vergleicht. Wegen Papiermangels und Zensur im Lager wurde die Literatur gerne in Versen verfasst, um den den mnemotechnischen Vorteil gegenüber anderen Literaturgattungen auszunutzen. Dargestellt wird das tägliche Überleben in einer Umwelt am Rande der Zivilisation. Es handelt sich bei dieser Literatur um die Dokumentation des Leids, um die Enthüllung der historischen Bedeutung des GULAG, um einen Akt des Widerstands. Gleichzeitig ist sie sehr philosophisch und zeigt, dass inmitten des Leids etwas sehr Menschliches geschieht: die Lagerinsassen erfreuen sich wie überall sonst an einem schönen Sternenhimmel oder der Kunst. In den meisten Räumen der Ausstellung stehen dem Besucher thematisch passende, ins Französische übersetzte Aufnahmen relevanter Literatur zur Verfügung.

Nachdem das Werk „GULAG: A history“ von Anne Applebaum bei seiner Veröffentlichung im letzten Jahr auch auf der Frankfurter Buchmesse einiges Aufsehen erregt hat, wurde es wieder ruhig um das Thema. Trotz der Einrichtung von Museen in einigen der Lagerstätten (z.B. Workuta oder die Solovki-Inseln), in einigen Hauptstädten ehemaliger Ostblockländer sowie bei „Memorial“ in Moskau fehlt bisher eine zentrale Gedenkstätte. Gelungen ist insbesondere das Konzept des „House of Terror“ in Budapest, dem eine objektive Darstellung der Stalinzeit gelingt, da nicht versucht wird, ungarische Kollaboration auszublenden. Erwähnenswerte Veranstaltungen, die Teilbereiche des GULAG mit berücksichtigen, sind z. B. die gelungene Ausstellung „Samizdat. Alternative Kultur in Zentral- und Osteuropa 1956-1989“ von der Bremer Forschungsstelle Osteuropa (2000 in Berlin, 2002 in Prag und Brüssel, 2004 in Budapest) oder „Von der Universität in den Gulag – Studentenschicksale im sowjetischen Straflager Workuta“ an der MLU Halle-Wittenberg im Oktober 2003.
So stellt die Ausstellung, die die Genfer NRO „Liberty Road“ in die Romandie holte, um ein internationales Publikum zu erreichen, eine Ausnahme dar. Viele Schulklassen nehmen das didaktische Angebot wahr.

Neu an der Genfer Ausstellung ist der ethnologische Ansatz. So sind die Exponate in den 13 Sektionen nicht chronologisch aufbereitet, sondern nach Gesichtspunkten wie Arbeit, Bräuche, Privatsphäre usw. konzipiert, die politische Geschichte steht weniger im Mittelpunkt als vielmehr der Alltag der Lagerhäftlinge. Didaktisch wechseln sich übersichtliche Texttafeln, Hörbeispiele russischer Lagerliteratur und Filmbeiträge mit Dokumenten, persönlichen Gegenständen, Kleidung oder Erkennungsmarken der Häftlinge und Fotos (die ursprünglich zu Propagandazwecken gemacht wurden) ab. Ziel der Ausstellung ist es, die unfreiwillig entstandene „Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft“ zu zeigen. In dieser isolierten „Parallelwelt“ der willkürlich verhafteten Lagerinsassen fanden sich Intellektuelle neben Bauern, Adlige neben Arbeitern wieder. Es entwickelte sich ein eigener Alltag mit einer speziellen Hierarchie und speziellen Verhaltensregeln.

Eingeleitet wird die Ausstellung bereits im Garten der an der Arve gelegenen Villa, die das ethnologische Museum von Genf beherbergt, mit einer Reihe von Bildern und Bahnschwellen, die ins Nirgendwo zu führen scheinen.

Bereits die erste Schautafel weist darauf hin, dass Massenrepression, Zwangsarbeit und Gefangenschaft Unschuldiger in der Sowjetunion ihren Ursprung in einer Utopie fanden. Diese hatte sich eine „perfekte Gesellschaft“ zum Ziel gesetzt, zu deren Erschaffung sie jede Abweichung unterdrücken muss. Die Aussteller betrachten eine solche Umkehrung aller Werte als Versuchung, der jede menschliche Gesellschaft erliegen könnte. Im Gästebuch, in das sich in den ersten zwei Monaten über hundert von der Ausstellung berührte Besucher aus aller Welt eingetragen haben, finden sich denn auch Verweise auf das aktuelle Geschehen irakischer Häftlinge in amerikanischer Gefangenschaft. Einige der Besucher haben Gefangenschaft selbst erlebt.

Bereits 1918 wurden die ersten Lager angelegt. Eine übersichtliche Karte verzeichnet die Orte des GULAG und korrigiert damit die gängige Vorstellung, alle Lager hätten sich in Sibirien befunden. Die Ausbreitung in den hohen Norden, die südliche Steppe oder westliche Teile Russlands setzte demnach in den 1920-1930ern ein.
Erstes Ziel, das die Führung mit dem GULAG verfolgte, war die Umerziehung der Einsitzenden zur Schaffung der „perfekten Gesellschaft“. Erst im Zuge der forcierten Industrialisierung gewann auch die Zwangsarbeit einen zentralen Stellenwert. Bei schlechter Ernährung, mit rudimentärer Technik leisteten sie Schwerstarbeit. Auch Bilder von den Verantwortlichen im Sowjetregime finden ihren Ort in der Ausstellung.

Von Solschenizyn in Archipel GULAG ausführlich beschrieben, in der Ausstellung durch Fotos und Gegenstände illustriert, breiten sich die Stationen der Gefangenschaft vor dem Betrachter aus: die Verhaftung als „gesellschaftlicher Tod“, die berüchtigten Gefängnisse (Lubjanka, Butirskaja, Kresty), Verhöre, Verurteilung und Prozesse, darunter v.a. die Schauprozesse und Massenverhaftungen während der „Grossen Säuberung“ (1936-38). Von den langen, leidvollen Transporten zeugen z. B. verzweifelte Briefe an die Angehörigen, die, mit der dringenden Bitte um Weiterleitung aus dem Zug geworfen oder ängstlich in einem Knopf versteckt, in die Ausstellung gelangten. Zur Deportation ganzer Völker unter Stalin sei an dieser Stelle auf den Marsch am 18. Mai dieses Jahres in Simferopol hingewiesen, der an die Deportation der Krimtataren vor 60 Jahren erinnern sollte, aber auch an die problematische Rückkehr der Vertriebenen in ihre mittlerweile von Russen bewohnten Gebiete in den 1990ern.

Nächste Station der Ausstellung ist die Ankunft im Lager. Die Organisation der Lager mit Werkstätten, Klub, Gefängnis und Krankenhaus wird als „andere Welt“ bezeichnet, die die normale Gesellschaft imitierte und neben Regionen und Gouvernements doch einen eigenen territorialen Status besaß. Das Arbeiten, Essen und Leiden findet in der Ausstellung ihren Raum.  Hunger, Kälte, Gewalt der „Kriminellen“ gegen die „Politischen“ werden plastisch dargestellt. Selbst hergestellte Gebrauchsgegenstände, künstlerische Produkte, Theaterprojekte werden gezeigt und demonstrieren das paradoxe Phänomen von Freizeit in der Gefangenschaft. Als psychologische Stütze, um eine Art Privatsphäre zu kreieren und die Empfindung von Sinnlosigkeit zu vertreiben, waren solche Beschäftigungen sehr wichtig. Den Frauen und Kindern, die nach vier Jahren, später schon nach zwölf Monaten von ihren Müttern getrennt wurden, ist ein eigener Raum gewidmet.

Als Auswege aus dem Lager sind Tod, Flucht und Befreiung plakativ aufgeführt. Dabei wird deutlich, wie der Wert von Leben im Lager seine Bedeutung verlor. Flucht wurde nicht nur durch die Gefängnismauern und eine feindliche Natur verhindert, sondern vor allem auch von der korrumpierten Lokalbevölkerung, die gegen eine Belohnung jeden auslieferte. Selbst eine Freilassung endete oft in einer weiteren Verhaftung, wie die Schicksale einzelner Gefangener wie Anatolij Tichonovic Marcenko oder der Genferin Yvonne Bovard exemplarisch verdeutlichen. Hoffnung auf eine grundlegende Änderung konnte erst nach Stalins Tod aufkeimen. Bis zu 20 Mio. Menschen durchliefen nach Schätzungen die Lager.

Im Wintergarten der Genfer Villa lädt ein Café zur Lektüre der Lagerliteratur ein. Historische, biographische und literarische Werke von Alexander Solschenizyn, Varlam Schalamov, Evgenija Ginzburg, Jacques Rossi, Michail Gorbatschev, Nikita Chruschtschev und Anderen liegen aus.



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