Elektromagnetische Felder (Elektrosmog) und ihre möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit

Elektromagnetische Felder (Elektrosmog) und ihre möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit

Handys, Computer, elektrische Geräte, Mobilfunksender und Strommasten: unser tägliches Leben hat sich in den letzten 100 Jahren grundlegend geändert. Die Menschen sind heute einer Vielzahl von künstlichen Umwelteinflüssen ausgesetzt. Hoch- und niederfrequente elektrische und elektromagnetische Felder (EMF), von Handys, schnurlosen Telefon, Sendemasten, ganz normalen elektrischen Gebrauchsgegenständen und Hochspannungsleitungen stehen im Verdacht, gesundheitsschädliche Wirkungen auf den menschlichen Organismus zu haben - bis hin zu Krebs. Diese Strahlung, die unter dem Sammelbegriff „Elektrosmog“ zusammengefasst wird, hat weit über die Fachwelt hinaus eine rege und teils hitzig geführte Diskussion ausgelöst; dabei ist noch vieles umstritten, vieles unbewiesen.

Im Institut für soziale und ökologische Forschung (Ecolog) in Hannover werden unter der Leitung des Biophysikers Dr. H. Peter Neitzke die Auswirkungen hoch- und niederfrequenter elektromagnetischer Felder auf die Gesundheit analysiert. Ein Team von Physikern, Medizinern, Biologen, Tiermedizinern und Biophysikern evaluieren nicht nur die Vielzahl von Studien zu diesem Thema als Gutachter, sondern sie führen auch eigene Messungen durch. So werden derzeit im Rahmen einer epidemiologischen Studie unter dem Dach des Deutschen Mobilfunkforschungs-Projektes des Bundesministeriums für Forschung und Bildung (BMFB) tausende von Haushalten vermessen hinsichtlich möglicher Exposition durch elektrische oder elektromagnetische Felder. Eine der vergleichenden Analysen des Instituts über bekannte gesundheitsschädliche Folgen, so Dr Neitzke, zeige, dass es neben den als sicher geltenden thermischen Schäden auf den Organismus (bei genügender Intensität der Strahlung) Hinweise gebe auf Zusammenhänge zwischen Mobilfunksendeanlagen, Handystrahlung, niederfrequenter Strahlung aus Hochspannungsmasten und einer Reihe von weiteren möglichen Gesundheitsschäden wie Leukämie bei Kindern (Studie aus der Schweiz an embryonalen Stammzellen), genomverändernde Wirkungen, Einflüsse auf das zentrale Nervensystem u.a.m.
Obwohl viele der Untersuchungen im streng wissenschaftlichen Sinne einer Wiederholung bedürften, könne dies nicht, so Dr. Neitzke, als Argument für eine Untätigkeit dienen. Vielmehr reiche schon der Verdacht aus, um die technisch und finanziell machbaren Schutzvorkehrungen gesetzlich verbindlich zu machen. So könne man mit einfachen Maßnahmen, wie Erdkabelverlegungen von Überlandleitungen, Herabsetzung der Sendeleistungen der Mobilfunkanlagen (Stichwort „Indoor-Erreichbarkeit“ der Handys durch Relaisstationen in den Wohnungen, sog. Repeter) oder auch die Verwendung strahlungsarmer Bauweisen von elektrischen Geräten und eine entsprechende Kennzeichnung für den Verbraucher, die tägliche Belastung von Mensch und Umwelt deutlich herab senken. Im Gespräch mit der PZ erläutert Dr. Neitzke ausführlich die Problematik und den Standpunkt seiner Forschungen:
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Interview:
PZ: Welche Art von Untersuchungen wird im Institut für soziale und ökologische Forschung betrieben?
Dr. Neitzke: In unserem Institut arbeiten Mediziner, Physiker, Tiermediziner, Biologen und Biophysiker an der Evaluation von Studien, die sich mit der biologischen Wirkung von magnetischen und elektromagnetischen Feldern auf die menschliche Gesundheit befassen.
PZ: Welche Formen von Strahlungen sind Gegenstand solcher Studien?
Dr. Neitzke: Erstmal zur Begriffsdefinition: Man unterscheidet physikalisch betrachtet im Niederfrequenzbereich zwischen elektrischen und magnetischen Feldern (elektrische Geräte, Hochspannungsmasten, normaler Funk). Elektrische Felder sind leicht abzuschirmen, ein Problem sind besonders die magnetischen Felder. Im Hochfrequenzbereich (Mobilfunksendeanlagen) ist die korrekte physikalische Bezeichnung elektromagnetische Felder. Diese stellen ein Problem dar im Hinblick auf gesundheitsschädliche Wirkungen.
PZ: Welche Schädigungen des menschlichen Organismus können entstehen?
Dr. Neitzke: Biologische Wirkungen bei hochfrequenten Feldern sind z.B. (bei genügender Intensität der Exposition) thermische Effekte (Freisetzung von Hitzeschockproteinen), Änderungen des Genoms (Gentoxizität), Einflüsse auf das zentrale Nervensystem und das Immunsystem, Beeinträchtigung der allgemeinen Befindlichkeit u.a. Wirkungen, die durch epidemiologische und tierexperimentelle Befunde vermutet werden.
Im Niederfrequenzbereich ist beispielsweise eine Studie aus der Schweiz bekannt geworden, die Fälle von Leukämie bei Kindern in den Zusammenhang mit der Strahlung aus Hochspannungsmasten bringt.
PZ: Welche technischen Schutzmaßnahmen sollten getroffen werden?
Dr. Neitzke: Es sollte, wie bei der Neuzulassung von Arzneimitteln, das Vorsorgeprinzip gelten. Das bedeutet, dass alle technisch und finanziell vertretbaren Möglichkeiten zur Belastungsminderung schon aufgrund der potentiellen Schädigung von Mensch, Tier und Umwelt gesetzlich verpflichtend sein sollten. So können schon geringfügige Änderungen (die nicht viel kosten) beim Einbau von Transformatoren in elektrische Geräte die Belastung 100fach verringern. Solche Geräte sollten deutlich für den Verbraucher gekennzeichnet werden. Beim Anlagenbau sollte das Vorsorgeprinzip von vorn herein Teil der Bauplanungen sein. Da muß man den Ingenieuren klare Vorgaben liefern im Vorfeld, damit diese es technisch mit einplanen können. Die Belastung durch Mobilfunksender in besiedelten Gebieten könnte z.B. deutlich gesenkt werden, wenn man die sog. „Indoor-Erreichbarkeit“ (also die Erreichbarkeit, um auch in der Wohnung mit Handy telefonieren zu können) durch „Repeater“, Signalverstärker in den Wohnungen, gewährleisten würde. Dadurch wären die nötigen Intensitäten der elektromagnetischen Felder von Sendern herabgesetzt.
PZ: Wie kann man sich im täglichen Leben schützen?
Dr. Neitzke: Bei der Verwendung von Handys sollte man auf den Dauerbetrieb verzichten, Head Sets verringern die Exposition. Schnurlose Telefone sind - so nicht zwingend nötig - durchaus durch die „guten alten Schnurtelefone“ ersetzbar. Das verringert die tägliche Belastung schon enorm.
PZ: Welche Interessenkonflikte gibt es und was in von der Politik zu fordern?
Dr. Neitzke: Im ökonomischen Bereich sind es die Mobilfunkunternehmen, Elektrizitätswerke auf der einen und die Verbraucher auf der anderen Seiten. Mitten drin sind die zuständigen staatlichen Behörden.
Die Forschung muß stärker gefördert und intensiviert werden. Neue technologische Entwicklungen sollten besser vorhergesehen werden. Niedrigere Grenzwerte (wie in der Schweiz) sind vonnöten. Ein Problem bei der Festsetzung verbindlicher Grenzwerte sind dabei die in Expertenkreisen sehr kontrovers diskutierten Schlußfolgerungen aus den wissenschaftlichen Befunden.
Mein Standpunkt ist der, dass schon der Verdacht, der sich aus diesen Studien ableitet, zum Handeln zwingt. Im Rahmen des Mobilfunkforschungsprogramms des BMBF werden derzeit in epidemiologischen und tierexperimentellen Erhebungen Strahlenbelastungen im häuslichen Umfeld untersucht. Daran beteiligt sind u.a. Forscher von der Uni Bielefeld, Uni Mainz, vom Deutschen Krebsforschungszentrum, unser Institut und das Bundesamt für Strahlenschutz. Diese Untersuchungen werden weiteren Aufschluß über ungeklärte Fragen bringen.
PZ: Herr Dr. Neitzke, vielen Dank für das Gespräch.

Erstveröffentlichung in Pharmazeutischen Zeitung in 2004
Autor: Dr. H.-P. Bustami

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