Doping im Leistungssport
Interview mit Prof. Wilhelm Schänzer (von der Deutschen Sporthochschule in Köln) zum Thema Doping im Leistungssport
Die Olympische Sommerspielen lassen gerade wieder Tausende Leistungssportler in zahllosen Disziplinen zum Wettkampf antreten. In Anbetracht des Leistungsdrucks, der heute in vielen Sportarten auf den einzelnen Sportlern lastet, ist die Versuchung groß, der Natur und damit den eigenen Siegchancen nachzuhelfen durch die Einnahme von illegalen und oft lebensgefährlichen Substanzen zur Leistungssteigerung, gemeinhin als Doping bekannt. Je nach Sportart werden verschiedene Substanzen verwendet, die pharmakologisch unterteilt werden können in Stimulanzien (Amphetamine z.B.), Narkotika (z.B. Morphin), Anabolika (Steroidhormone wie Testosteron), -Agonisten, Diuretika oder Peptidhormone. Während Stimulanzien und Narkotika auf das zentrale Nervensystem und das Gehirn wirken, beeinflussen Anabolika oder Peptidhormone die Physiologie der Muskulatur oder wirken über den Blutkreislauf.
Gleichzeitig gibt es eine Reihe von Nebenwirkungen, die nach Substanzen wie folgt aufgeschlüsselt werden können:
-Stimulanzien (steigern den Blutdruck und heben die Ermüdungsschwelle an): können zu Psychosen, Halluzinationen und psychischer Abhängigkeit führen. Bekannte Todesfälle durch Amphetamine sind die des dänischen Radfahrers Knut Erik Jansen 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom sowie des Radrennfahrers Tom Simpson bei der Tour de France 1967.
-Narkotika (unterdrücken den Muskelschmerz): können sowohl akute als auch chronische Nebenwirkungen zeigen. Akut kann der Mißbrauch von Morphin z.B. bei einer Überdosierung zur Atemlähmung und in Folge dessen zum Kreislaufschock kommen. Langfristig macht der Gebrauch dieses Mittels süchtig.
--Agonisten -Phenyethylamin-Derivate und Imidazolin-Derivate): Diese Gruppe der Doping-Mittel spielt im großen Sport eine eher untergeordnete Rolle. Durch die Wirkung auf das vegatative Nervensystem und den Herzrhythmus können Überdosierungen zu Herztätigkeitsstörungen (z.B. Tachykardie = Zunahme der Herzfrequenz, Angina pectoris), aber auch zu Muskeltremor u.a. Nebenwirkungen führen.
-Diuretika (harntreibende Mittel): Diese Art von Dopingmitteln, zu der auch die „legale Droge“ Koffein gehört, wird eingesetzt bei Sportarten wie Boxen, Gewichtheben oder Judo, wo die Athleten nach Gewichtsklassen eingeteilt werden. Die entwässernde Wirkung senkt das Körpergewicht herab. Störungen des Elektrolythaushalts, Herzrhythmusstörungen und lebensgefährlicher Flüssigkeitsverlust können auftreten.
- Anabolika: Eine besondere und zunehmende Bedeutung im Leistungssport gewinnen Anabolika, die wegen ihrer muskelbildenden Wirkung insbesondere im Body-Building verbreitet sind. Aber auch in anderen Leistungssportarten - wie z.B. Leichtathletik – kommen Anabolika zum Einsatz, wie der spektakuläre Fall des 100-Meter-Läufers Ben Johnson 1988 bei den Olympischen Sommerspielen in Seoul (Südkorea) zeigte.
Die Verwendung von Anabolika zur Steigerung körperlicher Leistungsfähigkeit im Bodybuilding führt zu einer Reihe von - z.T. lebensgefährlichen - physiologischen und psychischen Nebenwirkungen. So führt z. B. Testosteroneinnahme (männliches Sexualhormon) zur Aknebildung, androgenetischer Alopezie (männlicher Haarausfall), Ödembildungen und Stimmveränderungen. Bei Frauen kann es zur Vermännlichung führen. Psychotische Wirkungen, Herz- und Kreislaufschädigungen, Leberschäden, sowie Infektionen mit Hepatitis oder Aids (durch Verwendung von infizierten Spritzen bei illegaler Anwendung) machen den Einsatz von Anabolika zu einem großen Problem im Leistungssport insbesondere im Bodybuilding. Professor Wilhelm Schänzer von der Deutschen Sporthochschule Köln, Experte für Doping im Sport, warnt im Interview mit der PZ vor Mißbrauch von Anabolia und anderen Dopingsubstanzen:
Herr Prof. Schänzer, welche Substanzen, Wirkstoffklassen sind üblich in der Body-Builder-Szene? Welche Zusammensetzung haben diese Substanzen?
Prof. Schänzer: Bekannte verwendete Wirkstoffe im Body-Building sind Anabolika zum Muskelaufbau, ß2-Agonisten wie Clenbuterol zum Fettabbau, Diuretika zur Entwässerung der Zellstrukturen und Stimulanzien zur Wettkampfstimulation.
Gibt es "legale" Anabolika oder Muskel aufbauende Mittel? Welche sind illegal. Gibt es hierzu Richtlinien?
Prof. Schänzer: Anabolika sind Hormone, die wenn sie als Arzneimittel zugelassen sind, verschreibungspflichtig sind. Wenn bestimmte Anabolika wie Prohormone nicht als Arzneimittel zugelassen sind, dann ist in Europa ein Handel mit diesen Steroiden sowie eine unentgeltliche Weitergabe verboten.
Wie sind diese Substanzen nachweisbar und welche Nachweismethoden kommen im Sport zum Einsatz?
Prof. Schänzer: Zum Nachweis der Anabolika und anderer Dopingsubstanzen werden aus einer Urinprobe des Athleten die Substanzen isoliert und dann mit modernen Methoden der Massenspektrometrie identifiziert. Hierzu werden u.a. verschiedene analytische massenspektrometrische Techniken eingesetzt.
Gibt es "bekömmlichere" Alternativen zu den im Umlauf befindlichen - oft schädlichen - Anabolika, die der Sportmediziner "ruhigen Gewissens" empfehlen kann, wenn jemand nicht darauf verzichten möchte?
Prof. Schänzer: Alternative Substanzen zu Anabolika gibt es nicht.
Wie ist Ihre persönliche Einschätzung des Doping-Problems beim Body-Building?
Prof. Schänzer: Anabolikamissbrauch im Body-Building ist ein großes Problem. Die augenblicklichen Kontrollen sind nicht ausreichend und die ausgesprochenen Sanktionen bei Verstößen entsprechen nicht der Vorgaben der Welt Anti-Doping Agentur, die grundsätzlich bei Anabolikamissbrauch eine zweijährige Sperre fordert.
Herr Prof. Schänzer, vielen Dank für das Interview.
Weitere Fachinformationen zum Thema „Doping“, Dopinganalytik und Aufklärung über die Gefahren werden vom Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln von Prof. Schänzer und seinen Mitarbeitern auf der Website www.dopinginfo.de zur Verfügung gestellt.
Erstveröffentlichung in Pharmazeutischen Zeitung in 2004
Autor: Dr. H.-P. Bustami
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