Die Frage nach der Eigenverantwortung des Menschen
Wie die Pressestelle der Universität Frankfurt am 06. Januar 2005 meldet, findet ein Symposium zum Thema „Das Gehirn du seine Freiheit – Wird Ethik durch Hirnphysiologie überflüssig?“ statt.
FRANKFURT. Die Philosophie der Gegenwart passt nicht mehr in die Welt, in der wir leben. Die alte Unterscheidung von Leib und Seele verliert ihre Gültigkeit; der Gegensatz von physischen und mentalen Phänomenen entlarvt sich als eine Täuschung; die Frage nach der Einheit des Bewusstseins zerfällt in der Suche nach dem Zusammenhang zwischen unabhängigen Bewusstseinszuständen; der Glaube an die objektive Wahrheit verrät nichts mehr über die Welt an sich, sondern spiegelt nur noch die Innenansicht des Gehirns wider; das Studium der Natur entlarvt sich als eine Betrachtung neurophysiologischer Konstruktionsmechanismen.
Zudem verliert sich der Gegensatz von Gut und Böse in den Aktivitäten unterschiedlicher Hirnzustände. Und was Menschen am meisten verletzt: Das Gefühl der Freiheit beruht auf einer Täuschung. Außerhalb unseres Gefühls entspricht dieser Freiheit nichts Beobachtbares. Aus Sicht des Gehirns sind alle Entscheidungen gefallen, bevor sich bei uns der bewusste Gedanke einstellt, eine freie Entscheidung getroffen zu haben.
In der Öffentlichkeit, aber vor allem auch im gefestigten Rahmen einer Philosophie des Geistes, haben diese Erkenntnisse der Neurowissenschaften zu einer Erschütterung geführt. Dort, wo mit beispiellosem intellektuellen Aufwand die professionelle Philosophie ihre Alleinzuständigkeit in Fragen der Ethik und Erkenntnistheorie untermauert, droht ihr jetzt von Seiten der Hirn- und Neurowissenschaften der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden. Von heute auf morgen erscheinen die modernsten Theorien des Geistes als hoffnungslos veraltete Klimmzüge im luftleeren Raum. Die alte Frage nach dem Stellenwert naturgegebener Determinanten beim Zustandekommen philosophischer Denkinhalte beherrscht plötzlich wieder die Diskussion.
Welches neue Bild von Philosophie eröffnen die hirnphysiologischen Forschungsergebnisse? Welche neuartigen Aufgaben werden der Philosophie durch die Hirnforschung zugewiesen? Können die Verteidiger einer autonomen philosophischen Forschung und der Esoterik ihres Sprachgebrauchs ihre Daseinsweise weit ab von öffentlichen, ökonomischen und naturwissenschaftlichen Fragestellungen noch legitimieren? Kann Philosophie überhaupt noch einen Anspruch auf Existenz behaupten, angesichts der Tatsache, dass ihre Fragestellungen mehr und mehr von den neurowissenschaftlichen Disziplinen übernommen und beantwortet werden?
Das Symposium möchte einen Beitrag zu einem transdisziplinären Dialog leisten und aufzeigen, dass Einsichten der Hirn- und Neurowissenschaften für den philosophischen Fortschritt und das Alltagsbewusstsein in viel versprechender Weise genutzt werden können.
Das Symposium nimmt seinen Ausgang von dem in der Hirnforschung einhellig vertretenen Determinismus: Es gibt keine Freiheit. Daraus folgt, dass Freiheit eine freie Erfindung des Menschen ist. Diese Erfindung macht es zum gemeinsamen Anliegen von Philosophen und Hirnforschern, das Bedürfnis nach Freiheit zu erklären und die Möglichkeiten der moralischen Gestaltung von Welt und Wahrnehmung neu auszuloten.
Namhafte Neurowissenschaftler treffen zu einer Auseinandersetzung mit Frankfurter Philosophen zusammen. Zu den Referenten gehören: Prof. Wolfgang Detel, PD Dr. Klaus-Jürgen Grün, Prof. em. Alfred Schmidt, Prof. Marcus Willaschek, alle Institut für Philosophie, Frankfurt, sowie Prof. Dr. Gerhard Roth, (Bremen) und Prof. Thomas Goschke (Dresden).
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