Manfred Eigen im Gespräch:
(Basierend auf einem Interview vom August 2004)

Manfred EigenManfred Eigen ist der frühere Leiter des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie (im Folgenden MPI) und Träger des Nobelpreises für Chemie im Jahre 1967, der ihm für die Entwicklung einer Methode zur Messung von sehr schnellen chemischen Reaktionen verliehen wurde. Jahrgang 1927, studierte er in Göttingen Chemie und wurde darüber hinaus insbesondere durch seine bahnbrechende Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Evolutionsbiologe weit über den Kreis der Wissenschaftlergemeinde hinaus einem breiten Publikum bekannt. Seine Forschung befasste sich seither im Schwerpunkt mit der Charakterisierung der Prinzipien zur Entstehung des Lebens auf der Erde.

Basierend auf seinen Forschungen und den daraus resultierenden Patenten, entwickelten Manfred Eigen und seine Mitarbeiter die sog. „Evolutionsmaschinen“, mit denen heute industriell Medikamente (vor allem Enzyme) nach den Gesetzen der Natur hergestellt werden können. So ist eine der erfolgreichsten deutschen Biotechfirmen (Evotec) von Prof. Eigen zusammen mit Dr. Karsten Henco (Mitgründer von Qiagen) und Frau Dr. Winkler- Oswatitsch (langjährige Mitarbeiterin von Manfred Eigen und Autorin eines Buchs über die Entstehung des Lebens auf der Erde) gegründet worden. Im Gespräch mit Forschungsnachrichten.de äußert sich Manfred Eigen über seinen Nobelpreis, seine frühere Forschung, die Entstehung des Lebens auf der Erde und die Frage nach Leben im  Weltall.

Herr Prof. Eigen, wofür genau erhielten Sie 1967 den Nobelpreis?

Manfred Eigen:
In der Chemie untersucht man ja das Gleichgewicht zwischen Reaktionen und deren Geschwindigkeiten, woraus dann z.B. die Mechanismen der Reaktionen abgeleitet werden können. Als ich 1952 anfing, mich mit dieser Materie zu beschäftigen, gab es Methoden, mit deren Hilfe man Reaktionsgeschwindigkeiten bis zu einer Tausendstel Sekunde messen konnte; schneller ging das nicht.

Man konnte aber leicht berechnen, dass es sehr viel schnellere Reaktionen geben muß, und zwar bis in den Mikro- und Nanosekundenbereich. Heute kommt man bis in die Piko- und Femtosekunden hinunter. Ich hatte dann eine Methode erfunden, mit der man wesentlich schnellere Reaktionsgeschwindigkeiten, von Zeiten kürzer als eine Tausendstel Sekunde, messen konnte.

Der Grund, warum man nicht unter eine Tausendstel Sekunde kam, besteht darin, dass dafür zwei Reaktionspartner zusammengebracht werden müssen. Selbst wenn man diese Reaktionspartner unter hohem Druck in einem Strömungsrohr turbulent durchmischt, kann man keine Geschwindigkeiten unter einer Tausendstel Sekunde erreichen.
Mein Ansatz war nun, dass nicht mehr gemischt sondern von einem Gleichgewicht ausgegangen wird, das man dann so stört, dass es zurück reagieren muß. Für diese Methode (so wurde ausdrücklich in der Urkunde des Nobelpreises erwähnt) habe ich zusammen mit zwei englischen Forschern – Lord George Porter und Ronald Norrish - den Nobelpreis erhalten. Die beiden Engländer hatten mit Lichtblitzen Reaktionen ausgelöst. Damit konnte man Geschwindigkeiten von bis zu einer Mikrosekunde messen. Unsere Methode hingegen erlaubte es, Geschwindigkeiten von bis zu einer Nanosekunde, also einer Milliardstel Sekunde, zu messen. Dafür ist natürlich eine entsprechende Meßelektronik erforderlich. Diese Genauigkeit war der entscheidende Grund, weshalb ich die eine Hälfte des Nobelpreises erhielt und die beiden anderen sich die andere Hälfte teilen mußten. Das hatte unserem damaligen Bundespräsidenten am meisten imponiert.
Es stellte sich dann heraus, dass meine Methode dazu geeignet war, biologische Reaktionen, also Enzymreaktionen, genau zu analysieren. Dadurch konnte man erstmalig den allgemeinen Mechanismus von Enzymreaktionen in einzelne Zeitkonstanten auftrennen. Wir haben in diesem Zusammenhang auch erstmalig die Funktion allosterischer Enzyme beschrieben.

Diese neue Möglichkeit, bis zu 1 Million mal schnellere Reaktionsgeschwindigkeiten messen zu können, im Vergleich zu den vorher messbaren Geschwindigkeiten, und noch immer tausendmal schneller als es die Methode meiner englischen Kollegen vermochte, das war damals „olympischer Rekord“. Für mich als jungen Mann war damit natürlich auch ein besonderer Ehrgeiz verbunden, diesen „Geschwindigkeitrekord“ aufzustellen.

Auf diese Weise bin ich in das Forschungsgebiet der biologischen Reaktionen und insbesondere der Evolution gekommen.

Damit geben Sie schon das Stichwort für die nächste Frage. Sie sind im Jahre 1995 emeritiert worden. Sind Sie noch als Leiter der Abteilung „Biochemische Kinetik“ am MPI aktiv in der Forschung?

Manfred Eigen:
Nein, die Abteilung „Biochemische Kinetik“ am MPI ist vor zwei Jahren aufgelöst worden und meine drei letzten Doktoranden haben eine Firma - namens Direvo (Directed Evolution) - gegründet, die diese Methoden anwendet. Neue Substanzen werden evolutiv erzeugt, das heißt, die Firma wendet die Mechanismen der Natur an, um neue Medikamente zu finden.

Es existiert aber noch ein Büro hier am MPI, das ich nutze. Ich schreibe an meinem neuen Buch, das bedeutet, ich habe noch recht viel zu tun, aber experimentelle Arbeiten unter meiner Leitung gibt es nicht mehr.
{mosaddphp:buecher-content.php, Manfred Eigen}


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