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Falls ein Gott die Naturgesetze erschuf, so erschuf er auch das Leben durch Evolution
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Wie stehen Sie Theorien gegenüber, dass sich das Leben unter ähnlichen Bedingungen entwickelt haben könnte, wie man sie in heißen Tiefseequellen vorfindet, wo Schwefelbakterien überleben können?

Manfred Eigen:
Hierbei handelt es sich zweifelsohne um eine sehr interessante Entdeckung. Sie sagt aber nicht aus, dass das Leben so entstanden ist. Vielmehr erweist sich Leben als so robust, dass es auch unter solchen Bedingungen wie in der Tiefsee an heißen Quellen entstehen konnte. Wie ich ja eingangs ausführte: die Nukleinsäurenreplikation geht viel besser in kalten Medien. Man kann also nicht sagen, wo das Leben entstanden ist. Wenn es aber sehr früh in die Tiefsee gelangte, ist das eine sehr wichtige Information, die uns neue Erkenntnisse über einen frühen Zustand des Lebens gibt. Fazit: Man kann nicht beweisen, ob die Entstehung des Lebens ihren Ursprung an heißen Tiefseequellen gehabt haben könnte, aber es sind äußerst aufschlußreiche Untersuchungen, die uns Auskunft darüber geben, wie das Leben sich solchen extremen Bedingungen optimal anpassen konnte - zu einem wahrscheinlich sehr frühen Zeitpunkt der Evolution. Wir können auch das experimentell nachvollziehen durch unsere „Evolutionsmaschinen“, von denen übrigens jetzt die ersten beiden Prototypen im Deutschen Museum in München stehen. Es handelt sich bei diesen Tiefseebakterien um den Archaebakterien ähnliche Spezies, deren Enzyme noch bei hohen Temperaturen arbeiten.

Demzufolge kann man zwar die Bedingungen simulieren, unter denen die Selbstorganisation des Lebens stattfand, aber wie es letztlich wirklich war, bleibt spekulativ?

Manfred Eigen:
Natürlich, das ist immer das Schwierige daran, das Ganze hat sich vor 4 Milliarden Jahren abgespielt. Wir haben eine Untersuchung über das Alter des genetischen Codes durchgeführt und dabei die Codeadaptoren sequenziert. Das Ergebnis war, dass die Codeadaptoren fast so alt sind wie unser Planet. Folglich ist das Leben 4 Milliarden Jahre alt, während unsere Erde vor 4,7 Milliarden Jahren entstanden ist. Das bedeutet, vor 4,3 Milliarden Jahren gab es auf der Erde noch kein Leben, oder mit anderen Worten: Das Leben ist sehr schnell entstanden, als die Bedingungen günstig waren, und seitdem nie wieder verschwunden.

Gehorcht die Spontanentstehung von organischen Molekülen, als Vorstufe zu dem, was man als Leben definieren kann, physikalischen Gesetzmäßigkeiten?

Manfred Eigen:
Ja natürlich, andernfalls würde es kein Leben geben. Sonst würde sich Leben nicht so klar von unbelebter Materie abgrenzen lassen. Natürlich müssen da bestimmte Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen: Diese Vorgänge zur Entstehung des Lebens benötigten Energie und einen Energieumschlag, also einen Metabolismus, das waren alles wichtige Voraussetzungen. Dann ist Reproduktion erforderlich, denn natürliche Selektion würde ohne Reproduktion nicht zu realisieren sein. Physikalisch ist dies alles soweit erfassbar, dass es in ein System mathematischer Gleichungen paßt. Es gibt eine bestimmte Klasse von Lösungen, die man sonst sehr selten in der Natur findet, nämlich, dass nur eine Lösung von den vielen möglichen Eigenwerten, die sich einstellen können, übrig bleibt, und das ist genau das, was Darwin als Selektion bezeichnet hat, „survival of the fittest“. Sie können es hier mathematisch genau formulieren, und natürlich sind das physikalische Gesetzmäßigkeiten, die typisch für die Biologie sind. Also ist es nicht so, dass die Quantenmechanik ausreicht, um daraus die Existenz von Leben abzuleiten. Es braucht schon die typischen Bedingungen für das Leben.

Wohin geht die Evolutionsforschung im 21. Jahrhundert?

Manfred Eigen:
Meiner Ansicht nach mehr ins Praktische. Man wird mehr experimentell ergründen und für die Medizin nutzbar machen können. Ich glaube, die chemische Technologie wird davon beeinflußt werden. Es werden zunehmend die Methoden, die der Natur entsprechen, eingesetzt werden, Methoden also, die nicht umsonst als optimal gelten, weil sie von der Natur optimiert wurden. Was jedoch wirklich neu sein wird, ist spekulativ. Hätten Sie z.B. 1980 geglaubt, dass der Sowjetkommunismus 10 Jahre später obsolet sein würde? Da kam ein großer Mann wie Gorbatschow mit einer neuen Idee und hat dann innerhalb dieses Systems Veränderungen vollzogen. Und so ist es in der Wissenschaft auch, da hat dann plötzlich jemand eine große neue Idee, und plötzlich sind Dinge möglich, die man vorher nicht mal geträumt hat.
Die größten Fortschritte in der Biologie sind im 21. Jahrhundert wohl in den Neurowissenschaften zu erwarten. Es fehlt z.B. noch die zentrale Idee, wie das Bewußtsein funktioniert. Da weiß man im Detail oft mehr als über die grundlegenden Zusammenhänge.
{mosaddphp:buecher-content.php, Manfred Eigen}


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